Arbeitsschutz

Schwimmen mit Haien - Mutige Arbeitssicherheit

Handlungsfähige Sicherheitskultur durch das SAFER-Prinzip

10 Minuten

von Andrew Sharman

Bei einer Dinnerparty gestern Abend kam die Frage auf, was ich beruflich mache. Meine Antwort lautete: „Ich arbeite in der Arbeitssicherheit“. Prompt kam die Reaktion: „Ah, ich verstehe. Sie sind einer von denen, die Menschen von allem abhalten, was auch nur ein bisschen gefährlich sein könnte ...“

Es scheint, dass uns dieser Ruf vorausseilt. Wie oft sind wir als Fach- oder Führungskräfte für Arbeitssicherheit Mittelpunkt eines Witzes, bei dem wir am Ende als „risikoscheue handlungsbehindernde Weltverbesserer“ dastehen? Auch wenn ich jedem das Lachen über einen guten Witz gönne, möchte ich doch auf ein massives Missverständnis hinweisen, das solchen Späßen zugrunde liegt: Wenn wir unserer Aufgabe zum Schutz von Menschen, Planet und Profit wirklich gerecht werden wollen, müssen wir uns dem Risiko zu- und nicht abwenden.

Der Status quo: Angst- statt Sicherheitskultur

Vor Kurzem wurde ich gebeten, meine Ansichten zu Sicherheit und Risiko in einem TED-Vortrag vorzustellen. Ausgehend von einer sehr persönlichen Erfahrung war mein zentraler Punkt, dass es im Leben nicht darum geht, Risiko um jeden Preis zu vermeiden. Viel wichtiger ist es, Vertrauen in die Fähigkeit zu entwickeln, mit Risiken angemessen umzugehen und Großartiges zu ermöglichen.

In den letzten Jahren hat sich eine Kultur der Angst durchgesetzt, die übermäßige Vorsicht und Zaghaftigkeit fördert. Wir sehen die Auswirkungen täglich in unserem Arbeitsleben. Dort finden wir Geschäftsführer, die sich um alles sorgen, was auch nur den geringsten Anschein von Verletzungspotenzial birgt. Auch einige Arbeits- und Fachkollegen wollen übereifrig eine „Safety First“-Mentalität an die Spitze der Unternehmensagenda setzen. Nicht selten führt dies zu Konflikten, denn man kann Sicherheit und Produktivität schlecht dieselbe Priorität zuschreiben. vorzustellen. Ausgehend von einer sehr persönlichen Erfahrung war mein zentraler Punkt, dass es im Leben nicht darum geht, Risiko um jeden Preis zu vermeiden. Viel wichtiger ist es, Vertrauen in die Fähigkeit zu entwickeln, mit Risiken angemessen umzugehen und Großartiges zu ermöglichen.

  • ©unsplash/markus_spiske

Was ist passiert? Angst. Unsere Sichtweise auf Gefahren ist so weit verschoben, dass wir Schwierigkeiten haben, die Realität zu erkennen. Manipulation durch Medien behindert objektives Denken und eine solide Entscheidungsfindung. Wir kennen mehr als genug Geschichten darüber, wie Sicherheitsvorkehrungen etwas verhindert haben. Mal sind es hängende Blumentöpfe, die abgenommen werden mussten, weil sie jemandem auf den Kopf hätten fallen können. Ein andermal sind es Kinderspielplätze, die wegen Sicherheitsmängeln dem Erdboden gleichgemacht wurden. Das moderne Mantra in Bezug auf Sicherheitsrisiken lautet immer: „Aber was wäre, wenn...“?

Neue Perspektiven auf Sicherheit und Risiko

Ich sage: Nicht Risikomanagement, sondern Angst hat dieses Mantra hervorgerufen. Vor 44 Jahren brachte Hollywood einen Film heraus, der unserer Gesellschaft so viel Angst eingejagt hat, dass wir noch immer in Panik geraten, wenn wir an den Strand gehen. Bilder aus "Der Weiße Hai” schießen uns durch den Kopf, wenn wir uns in tieferes Wasser wagen - dann aber hastig zurück ans Ufer schwimmen.

Es ist genau diese Art lähmender Angst, von der ich in meinem Vortrag spreche. Es mag etwas ungewöhnlich klingen, doch ich fürchtete mich nie vor dem, was im Wasser schwimmt, sondern vor dem Wasser selbst. Schon als kleiner Junge hatte ich keine Angst vor Haien, sondern war fasziniert von ihnen. Und es war diese Faszination, die mich dazu brachte, meine Angst vor Wasser zu überwinden. Vielleicht trug sie im Endeffekt sogar dazu bei, dass ich Risikomanager wurde. Jedenfalls habe ich viele glückliche Tagen auf der ganzen Welt damit verbracht, zwischen Haien zu schwimmen und meine Fähigkeiten im Risikomanagement zu verbessern.

  • ©unsplash.com/bonnie_kittle

“Was wäre möglich, wenn …”

Wir alle haben Ängste, aber sobald wir uns von lähmenden Elementen befreit haben, können wir Ziele erreichen, die uns zuvor unerreichbar schienen. Der eigentliche Mehrwert, den wir Arbeitsschutzexperten bieten, ist unsere Fähigkeit, ein von Natur aus riskantes Vorhaben zu wagen und unsere einzigartigen Kompetenzen zu nutzen, um Erfolg ohne Verluste zu ermöglichen.

Wie? Beginnen wir damit, unsere Sprache zu ändern. Hören wir auf mit, „Was wäre, wenn...“ und fragen uns besser, „Was wäre möglich, wenn...“? Und dann demonstrieren wir, wie man Risiken auf ein akzeptables Niveau bringen kann.  Wir beziehen Mitarbeiter und Führungskräfte in die Erarbeitung von Maßnahmen ein, die sowohl Risiken verringern als auch Erfolgschancen erhöhen. Wir definieren das Risikoproblem genau, lösen es gemeinsam mit unserem Team, und ermöglichen, die Ziele unseres Unternehmens zu erreichen. Wir stehen in vorderster Reihe, wenn es darum geht, unsere Unternehmenskultur von einer polarisierten Risikoperspektive zu einer informierten und ausgewogenen Entscheidungsfindung zu bewegen.

Entscheidungsfindung nach dem SAFER-Prinzip

Im Sinne unseres Berufsstandes müssen wir zu energischen Fürsprechern und Förderern der risikobasierten Entscheidungsfindung werden. Es ist unsere Aufgabe, einen soliden Prozess zu etablieren, durch den Gefahren systematisch identifiziert, der Risikograd bewertet, und die beste Vorgehensweise bestimmt wird, um das Ziel mit einem akzeptablen Risikoniveau zu erreichen.  Dafür gibt es ein schönes Akronym, das 'SAFER' heißt. Seine Schritte sind:

  1. Summarize: Zusammenfassen der wichtigen Schritte

  2. Anticipate: Antizipieren und Diskutieren möglicher Fehler und ihre Ursachen für jeden Schritt

  3. Forsee: Vorhersehen von wahrscheinlichen und schlimmstmöglichen Folgen für jeden Schritt

  4. Evaluate: Bewerten von Kontrollen oder Eventualitäten bei jedem kritischen Schritt, um Fehler zu vermeiden, zu erfassen, sich von ihnen zu erholen und resultierende Folgen zu minimieren

  5. Review: Überprüfen der bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse, die für die spezifische Aufgabe und ihre kritischen Schritte relevant sind, um anschließend eine umfassende, und fundierte Entscheidung zu fällen

  • ©unsplash.com/dylan_gillis

Denken allein wird Angst nicht überwinden, Handeln schon. Wir müssen unsere Organisationen mit Nachdruck dazu bringen, ihre Angst vor Risiken abzubauen und gleichzeitig funktionale Praktiken zu entwickeln, die zu einem größtmöglichen Unternehmenserfolg im Sinne von Mensch, Planet und Wirtschaft führen. Machen wir den Gedankensprung und stellen uns vor, wir hätten keine Angst vor den Haien der Sicherheit! Lasst uns an den Strand gehen und fragen: Was wäre möglich, wenn...?

Andrew Sharman
Globaler Sicherheitsberater, Präsident der Institution of Occupational Safety and Health (IOSH) und CEO von RMS Switzerlannd.

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