Arbeitsschutz

Arbeitsschutz und Psychologische Sicherheit gehen Hand in Hand

Interview mit Prof. Amy Edmondson für den Safety Management Trend Report

7 Minuten   |     17.06.2021

Verantwortliche im Arbeitsschutz haben ein vielschichtiges Aufgabengebiet. Aber: Gehört es auch dazu, dass sie ein Arbeitsumfeld schaffen, das von Offenheit und Ehrlichkeit geprägt ist? Ja, sagt Amy Edmondson, Professorin für Leadership an der Havard Business School. Denn nur so entsteht eine Fehlerkultur, von der sowohl die Sicherheit als auch die Produktivität eines Unternehmens profitieren. Für den Safety Management Trend Report fragte Quentic Amy Edmondson, worauf Verantwortliche für Arbeitssicherheit 2021 den Fokus legen sollten und wie sie durch "Psychologische Sicherheit" Mitarbeitende für Selbstverantwortung und Engagement im Arbeitsschutz begeistern können. 

Der Schlüssel zur physischen Sicherheit

Prof. Edmondson, Ihr Forschungsschwerpunkt ist die psychologische Sicherheit. Wie würden sie deren Bezug zur Sicherheitskultur beschreiben?

Aus meiner Sicht geht beides Hand in Hand. Die Sicherheitskultur ist das Ergebnis von Sicherheitsklima und psychologischer Sicherheit. Sie ist etwas stabiler und beständiger. Grob gesagt beschreibt die Sicherheitskultur, wie die Dinge in einem Unternehmen laufen. Dazu gehören auch nicht hinterfragte Annahmen darüber, was passiert, wenn ich etwas anspreche, das möglicherweise unliebsam ist oder ein schlechtes Licht auf mich oder andere Personen wirft. Eine starke Sicherheitskultur kann nur entstehen, wenn wir ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem wir offen und ehrlich miteinander umgehen können.

Mit Fokus auf Begeisterung

Weltweit umfasst Arbeitsschutz viele verschiedene Aufgabenfelder. Verantwortliche sind nicht nur für die körperliche Sicherheit, Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Kolleginnen und Kollegen zuständig, sondern mitunter auch für das Qualitäts- und Umweltmanagement. Jetzt sollen sie sich auch noch um psychologische Aspekte kümmern. Was raten Sie Fachkräften im Bereich Arbeitssicherheit, um all diese Aufgaben zu stemmen?

Empowerment lautet das Stichwort! Wenn HSE-Fachkräfte Mitarbeitende befähigen können, sich an der Gestaltung des Arbeitsschutzes zu beteiligen und gemeinsam mit ihnen an einem Strang zu ziehen, ist das auch eine Form von Selbstfürsorge. Dazu müssen sie andere inspirieren und begeistern, damit diese sich für das Sicherheitsverhalten und die Sicherheitsbilanz anderer verantwortlich fühlen. Wenn Fachkräfte für Arbeitssicherheit eine solche Atmosphäre des positiven „Gruppenzwangs“ in einem Unternehmen etablieren können, sind sie nicht mehr allein dafür verantwortlich Standards festzusetzen oder für deren Einhaltung zu sorgen. Die Verantwortung dafür wird auf alle verteilt.

Doch wo genau fängt man an? Wie lassen sich Menschen befähigen?

Man muss sich bewusst sein, dass man immer nur in der aktuellen Situation aktiv werden kann. Aber: man kann auch immer etwas tun. Selbst, wenn man an einem Tag das Leben von nur einem einzigen Mitarbeitenden verbessert. Ist zum Beispiel ein positives Sicherheitsklima das Ziel, kann man zwei Dinge tun:

Erstens sollte man die Verhaltensweisen vorleben, die man von anderen erwartet. Hier gilt es, Gefahren und Risiken anzusprechen, um Hilfe zu bitten und mit gutem Beispiel voranzugehen.

Zweitens muss man andere ins Boot holen. Wie? Ganz einfach: durch Fragen. Jedes Mal, wenn man eine ehrlich gemeinte Frage stellt, auf die man auch wirklich eine Antwort zu bekommen hofft, und sich dann die Zeit nimmt, zuzuhören, leistet man einen kleinen Beitrag zum Sicherheitsklima.

Außerdem sollte man sich nicht mit Dingen befassen, die man eh nicht beeinflussen oder ändern kann. Es ist müßig, zu denken: „Ich kann ja nichts tun, weil DIE sich nicht ändern werden.“ Man muss immer bei sich selbst anfangen. Was kann ich tun? Wie kann ich mein eigenes Verhalten ändern? Wie kann ich mit gutem Beispiel vorangehen, um den Arbeitsplatz für andere zu verbessern – und sei es nur in kleinen Dingen?

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Mitarbeiter in die Gestaltung einbeziehen

Sie meinen also, dass Mitarbeitende eher bereit sind, sich am Arbeitsplatz sicher zu verhalten, wenn sie die Chance bekommen, den Arbeitsschutz mit zu gestalten?

Ja. Und genau das sollte die Grundlage für die Erfolgsmessung im Bereich der Arbeitssicherheit sein. Wenn man ausschließlich schwere und tödliche Ereignisse erfasst, sieht man nur die Spitze des Eisbergs. Sicherheitsziele lassen sich eher erreichen, wenn man bereit ist, alle Abweichungen zu tracken. Das geht aber nur, wenn sich jeder im Unternehmen psychologisch sicher fühlt, Probleme anzusprechen. Rein zahlenmäßig stehen die Unternehmen oder Abteilungen, die diesbezüglich am besten abschneiden, vielleicht weniger gut dar, weil sie mehr Vorfälle und Beinaheunfälle erfassen. Deshalb lässt sich Erfolg nur daran bemessen, inwieweit wir bereit sind, all die vermeintlich nebensächlichen Ereignisse zutage zu bringen und anzusprechen. Je mehr man über die kleinen potenziellen und uneindeutigen Gefahren spricht, desto besser ist man in der Lage, tatsächliche Arbeitsunfälle zu vermeiden. Man kann in keiner Organisation davon ausgehen, dass alles rundläuft – dafür sind die meisten Arbeitsabläufe viel zu komplex. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Bekommt man überhaupt mit, wenn Fehler passieren?

Safety Management Trend Report 2021

Prof. Amy Edmondson ist eine von elf internationalen Expertinnen und Experten, die an der Panel-Studie für den Safety Management Trend Report 2021 teilgenommen haben. Laden Sie hier den kostenlosen Report herunter und erhalten:

  • Perspektiven: Einschätzungen von führenden Expertinnen und Experten aus acht Ländern zu den wichtigsten Trends und Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsschutz.

  • Praxis: Erstmals wird der Safety Management Trend Report durch eine große Umfrage unter Fachkräften aus ganz Europa ergänzt

  • Ausblicke: Welche Prioritäten setzt zukunftssicherer Arbeitsschutz? Worauf sollten Fachkräfte sich jetzt konzentrieren?

 

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Worauf sollen sich Arbeitsschutzmanager 2021 aus Ihrer Sicht konzentrieren?

Auf den Menschen! Entscheidend ist, dass Verantwortliche für Arbeitssicherheit den Fokus 2021 darauf legen, Mitarbeitende so zu schulen und weiterzubilden, dass sie sich bei der Gestaltung des Arbeitsschutzes voll einbringen können und ihre Meinung gehört wird. Dazu gilt es, die Führungskompetenzen von der untersten bis zur obersten Unternehmensebene auszubauen.

Prof. Amy Edmondson, Interview 2021
Prof. Amy Edmondson
Professorin für Leadership und Management, Harvard Business School

Amy Edmondson hat zahlreiche Bücher über Leadership, Lernen und Innovation veröffentlicht. Ihre neueste Publikation „Die angstfreie Organisation: Wie Sie psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz für mehr Entwicklung, Lernen und Innovationen schaffen“ wurde in elf Sprachen übersetzt.

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